Die Leere der Gesten, die Sterilität der Räume

zu den Kommunikationsbeispielen

von Andreas Gebhardt
aus: HNA, Nr.238 KS, S.21, Fr. 13.10.2000

anlässlich der Ausstellung "Kommunikationsbeispiele"
5. bis 15. Oktober 2000
Galerie Stellwerk im Kulturbahnhof Kassel

 

KASSEL. Manchmal bedarf es nur kleiner Eingriffe, um einen in Verwirrung zu stürzen und der geordneten Wahrnehmung einen Strich durch die Rechnung zu machen. Man kennt diese Reiseprospektbildchen im Briefmarkenformat, in denen kleine, adrette Hotelzimmerchen abgebildet sind, garantiert mit netten Leuten von nebenan, die scheinbar beiläufig die perfekte Urlaubsidylle verkörpern. Man nippt am Drink, unterhält sich, blättert in Magazinen, Kinder spielen scheinbar unter den Augen ihrer Eltern. Wie nett, wie reizend. Diese kleinen gestellten Bildchen rufen uns zu. "Macht Urlaub hier, es lohnt sich!" Aber in Wirklichkeit ist es ziemlich entsetzlich. Diese diese Erkenntnis nimmt man jedenfalls mit nach Hause, wenn man eine kleine, feine Ausstellung in der Galerie "Stellwerk" gesehen hat - mit Bildern des Berliner Künstlers Peter Freitag (Jahrgang 1972). Er hat sich die fiese Fotowelt der Reiseprospekte vorgenommen und den Grusel noch einmal gesteigert. Zwei einfache Mittel wendet er an: Kaschierung und digitale Bearbeitung einerseits und das Verfahren des Blow-up anderseits.

Die "Urlauber" auf den Bildern agieren in sterilen Räumen. Doch der Künstler hat alle Kommunikationsmittel und Bezugsobjekte, die eine Unterhaltung sinnvoll machen, entfernt und die Bilder zudem um ein X-faches vergrößert. Dadurch rücken die Interieurs in den Hintergrund, die Aufmerksamkeit richtet sich auf die Staffagefiguren. Das Unbehagen kann sich ungehindert entfalten.

Zu sehen sind leere Gesten, bisweilen gar hohles Pathos und unverständliche Handlungen in geschmacklosen bonbonfarbigen Hotelzimmern. "Kommunikationsbeispiele" nennt Freitag die Prints. Die Absurdität von alltäglichen Verrichtungen, die Banalität des Mittelmaßes bekommen nicht nur eine beängstigende Drastik. Das Schlimmste ist: Man er kennt sich manchmal in diesen einstudierten Banalitäten und leeren Gesten wieder.

Andreas Gebhardt aus: HNA, Nr.238 KS, S.21, Fr. 13.10.2000

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